Wenn wir aufhören, das Ganze zu trennen

Wir haben gelernt, die Welt zu teilen.

In Licht und Schatten.

In hell und dunkel.

In richtig und falsch.

In Tag und Nacht.

In das, was wir lieben dürfen,

und das, was wir lieber verbergen sollen.

Doch vielleicht beginnt unsere größte Erinnerung genau dort,

wo wir aufhören zu trennen.

Denn ein Baum besteht nicht nur aus seinen Blüten.

Er braucht seine Äste, die sich dem Licht entgegenstrecken,

aber ebenso seine Wurzeln,

die tief in der Dunkelheit der Erde liegen.

Niemand würde die Wurzeln verurteilen,

nur weil sie niemals die Sonne sehen.

Denn wir wissen:

Ohne die Dunkelheit, die sie umgibt,

könnte der Baum nicht zum Licht wachsen.

So ist es auch mit uns.

Wir werden nicht ganz, indem wir alles aus uns verbannen,

was nicht hell genug erscheint.

Wir werden ganz,

wenn wir erkennen, dass auch unsere Schatten,

unsere Verletzungen, unsere Ängste,

unsere Vergangenheit und unsere Dunkelheit

Teil unseres Weges sind.

Nicht alles Dunkle muss bekämpft werden.

Nicht alles Helle muss erhöht werden.

Manches möchte einfach nur erkannt,

verstanden und wieder in das Ganze aufgenommen werden.

Denn sobald wir beginnen, Teile voneinander zu trennen,

entsteht Spaltung.

Und irgendwann zerstören wir durch diese Trennung vielleicht genau das,

was wir eigentlich beschützen wollten.

Das Leben selbst kennt diese Trennung nicht.

Auf den Tag folgt die Nacht.

Auf den Winter der Frühling.

Die Wurzeln wachsen im Dunkeln,

während die Krone das Sonnenlicht empfängt.

Ein Atemzug kommt.

Ein Atemzug geht.

Alles gehört zusammen.

Vielleicht besteht wahre Heilung deshalb nicht darin,

nur noch im Licht leben zu wollen.

Vielleicht bedeutet Heilung:

alles wieder nach Hause zu holen.

Das Licht und den Schatten.

Die Stärke und die Verletzlichkeit.

Das Werden und das Vergehen.

Das Sichtbare und das Unsichtbare.

Wie die Äste eines uralten Baumes mögen wir scheinbar in unterschiedliche Richtungen wachsen.

Doch tief unter der Erde

berühren sich unsere Wurzeln.

Und dort erinnern wir uns:

Wir waren niemals wirklich voneinander getrennt.

Wir sind verschiedene Ausdrucksformen

desselben Lebens.

Erst wenn wir aufhören, das Eine gegen das Andere zu stellen,

kann aus den einzelnen Teilen wieder Ganzheit entstehen.

Denn Einheit bedeutet nicht,

dass alles gleich sein muss.

Einheit bedeutet, dass alles verschieden sein darf

und dennoch zum selben großen Ganzen gehört.

Vielleicht ist genau das die Erinnerung,

die wir gerade wiederfinden:

Nicht das Licht besiegt die Dunkelheit.

Nicht die Dunkelheit verschlingt das Licht.

Beide dürfen existieren.

Und dort, wo wir sie nicht länger voneinander trennen,

beginnt etwas Neues:

Ganzheit.

An’Léana

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